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Rückenmarksverletzungen


RÜCKENMARKSVERLETZUNGEN
DIE LION-STIM-THERAPIE

Die “LION Procedure” an den Beckennerven besteht aus der laparoskopischen Platzierung von Elektroden an beiden Seiten der Beckennerven. Die Mikroelektroden werden direkt am Ischiasnerv (Stabilisierung der Hüfte/des Gesässes) und am Femoralnerv (Stabilisierung des Knies) platziert. Da die Elektroden tief, vom Beckenknochen geschützt, liegen, ist es nicht notwendig, sie an den Nerven zu befestigen, was die Prozedur sicher und reversibel macht. Es erfolgt kein Nervenschnitt, weil die Elektroden langfristig kein Risiko für eine Schädigung der Nerven bergen.

Die Elektroden werden mit einem wiederaufladbaren Pacemaker verbunden, der unter der Haut an der abdominalen Wand platziert wird. Der gesamte Eingriff dauert weniger als 1,5 Stunden.

Mit der Beckennerven-Stimulation kann am ersten Tag nach der Operation begonnen werden, während das Physiotherapie-Training erst nach 2-3 Wochen starten sollte. Für das Training der Quadrizepsmuskulatur (Oberschenkel) gibt es drei Programme, eins für jedes Bein und eins für beide Beine zusammen. Der Pacemaker wird so konfiguriert, dass der Patient selbst Intensität und Dauer der Stimulation bestimmen kann, um so optimale efferente Effekte zu erzielen, beim Training und später dann beim Aufstehen und Gehen zu Hause. Nach einer mindestens 6-monatigen Muskelaufbauphase kann begonnen werden, das Aufstehen und schliesslich das Gehen mit einem Walker zu trainieren, unterstützt durch eine gleichzeitige beidseitige Beckennerven-Stimulation. Solch ein Training ist sehr zeitaufwändig und bedarf einer starken Motivation des Patienten. Um eine längere Strecke zurücklegen zu können (Krücken sind aufgrund des Gleichgewichtsverlustes des Körpers nötig), ist ein intensives Training über mindestens drei Jahre hinweg nötig.

Um die neuralen Verbindungen für eine kontrollierte und harmonische Bewegung der Beine zu verbessern, werden die Beckennerven nach der Trainingsphase dauerhaft mit einer niedrig dosierten Stromstärke stimuliert. Der Patient sollte sich beim Training auch mental auf die Ausführung der Körperfunktionen fokussieren, statt nur die Bewegungen mithilfe der Stimulation durchzuführen, während er sich auf etwas völlig anderes konzentriert. Die gleichzeitige Stimulation des Ischiasnervs zur Kontraktion der Gesässmuskeln (Stabilisierung des Beckens) und des Femoralnervs zur Stabilisierung der Knie ermöglicht das Aufstehen und Gehen des Paraplegikers.

Neben der psychologischen Wirkung durch das Erlangen der Eigenständigkeit gehört zu den Vorteilen einer Lokomotion auch eine Verbesserung der Kontraktion, tiefer Venenthrombosen und Ödeme sowie eine Verbesserung der Spastizität. Das Aufstehen in Verbindung mit dem Glutealmuskeltraining (“Gluteal-Pads-Effekt”) und der elektrisch induzierten Stimulation der Hautzirkulation (besonders am Gesäss) schützt den Patienten besser vor Dekubitusläsionen. Da wir bereits Hinweise haben, welche Rolle die Beckennerven bei der Hautzirkulation spielen, dient die Beckennerven-Stimulation nicht nur der Prävention von Dekubitusläsionen, sondern kann auch zu deren Behandlung eingesetzt werden.

Daher ist die LION-Prozedur an den Beckennerven ausserordentlich hilfreich bei der Rehabilitation von Patienten mit Rückenmarksverletzungen und kann das Risiko für Komplikationen reduzieren.

Die elektrische Stimulation bei Querschnittgelähmten kann auch zur peripheren Nervenregeneration benutzt werden, indem die Stimulation im gewünschten Bereich um das geschädigte Rückenmark angewandt wird. Andere experimentelle Studien zeigen ausserdem, dass die elektrische Stimulation zu einer signifikanten Erholung der Funktionen führen kann, nicht nur durch eine Regeneration im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr auch durch alternative Nervenleitungsbahnen. Es gibt heute überzeugende Hinweise, dass elektrisch-induziertes Bewegungstraining mit einer kontinuierlich niedrigen Stimulation der Beckennerven bei Paraplegikern zu Veränderungen im Gehirn und Rückenmark führen kann, die es Nerven unter- und oberhalb der Rückenmarksverletzung ermöglichen, übrig gebliebene Leitungsbahnen des Rückenmarks zur Heilung einzuschalten.

Es besteht jedoch kein Zweifel, dass Nerven einen starken Anreiz benötigen, um für die Regeneration, Wiederverbindung oder Wiederaktivierung wirksam zu werden. Hierbei ist besonders ein starker Wille des Patienten von entscheidender Bedeutung. All diese Informationen erzeugen ein “Bedürfnis der Wiederverbindung und Regeneration”, was zu einer potenziellen neuralen Plastizität führt und damit zu verbesserten funktionellen Fähigkeiten. Deswegen ist die Motivation des Patienten sowie das tägliche Training mit Hilfe der peripheren Nervenstimulation äusserst wichtig, nicht nur bei der Rehabilitation von Querschnittgelähmten, sondern auch für die Heilung der Rückenmarksverletzung.